Der Orgelbau in der Deutschen Demokratischen Republik
(1945-1989)

... das waren in den fünfziger Jahren etwa 18 Orgelbaufirmen - nach DDR-Gesetzgebung strukturell getrennt in vier Industriebetriebe und den übrigen Firmen als private Handwerksbetriebe bis maximal 10 Beschäftigte (die Firma A. Voigt in Bad Liebenwerda und zwei weitere Firmen arbeiteten als Handwerksbetrieb exakt an dieser Begrenzung). Bereits 1957 wurde durch einen Erlass des damaligen Staatsratsvorsitzenden W. Ulbricht auch der Zugang zur Fachschule Ludwigsburg offiziell verwehrt.

Mauer in Berlin

Nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 vollzog sich die totale Abriegelung der DDR. 1971 holte E. Honecker mit seinem Generalsozialisierungsplan zu einem entscheidenden Schlag gegen alle privaten und halbstaatlichen Produktionsbereiche aus. Es wurde ein Tiefschlag gegen die mittelständische Wirtschaft und ein Teil des privaten Handwerks, deren katastrophale Auswirkungen die gesamte DDR Wirtschaft letztlich nie verkraftet hat. Mit Erfolg setzte das DDR Außenhandelsorgan für den Musikinstrumenten-Export "DEMUSA" seine Länderkonzeption durch. Es passte ohnehin nicht ins Konzept, dass viele Orgelbauer Montagereisen ins westliche Ausland unternahmen. Das sog. Länderkonzept legte fest, welche Firmen noch in welche Länder exportieren durften. Die Handwerksbetriebe erhielten generelles Exportverbot.

Es bestanden zu dieser Zeit strengste Kalkulationsbestimmungen, Löhne und Gemeinkosten waren vorgegebene Größen. Die Handwerksmeister arbeiteten an der Existenzgrenze und trotzdem nach den gesetzlichen Bestimmungen am Rande der Legalität. Die Generationsnachfolge war weitgehend zerstört. Die Folge war eine ständige Abwanderung von jungen Fachkräften aus dem privaten Handwerk. In den 80er Jahren verfiel das Zahlungsmittel "Mark der DDR" spürbarer, obwohl die Regierung die DDR-Bevölkerung in den Grundbedürfnissen zu schützen versuchte. Es entwickelten sich drei Zahlungsebenen und eine Fülle von anderen Hilfskonstruktionen:

  1. Die "Mark der Bevölkerung" - und der Kirchen (der sog. Altpreis)

  2. Die "Mark der staatlichen Einrichtungen und Betriebe" mit dem gleichen Zahlungsmittel (sog. Neupreis)

  3. Die "Valuta-Mittel" (konvertierbare Währungen, meist DM) mit ihrenVerkaufseinrichtungen, wie Intershop, Genex, Intrax u.a.

Wie sich die Preise in Mark der DDR auseinanderentwickelt hatten, zeigte 1989 der Zinnpreis im Orgelbau besonders deutlich. Die Kirche erhielt das Kilo Zinn für 5,00 Mark der DDR (eine Festlegung aus den 50er Jahren), der Neupreis betrug inzwischen 125 Mark der DDR. Der Weltmarktpreis lag in dieser Zeit bei etwa 16,00 DM, für Marktwirtschaftler nicht nachvollziehbar. Hinzu kam der permanente Mangel an Arbeitskräften wie an Leistungskapazität jeglicher Art. Eine Ausrüstung für eine Betriebsneugründung zu erwerben, überstieg die normale Vorstellungskraft.

Mitteldeutscher Orgelbau A. Voigt in der Zeit der DDR

Dieter und Gisbert VoigtArno Voigt jun., im II. Weltkrieg zweimal schwer verwundet, überlebte mit einer Annerisma im Kopf und mit ständigen Ohnmachtsanfällen - wie ein Wunder - und wurde 83 Jahre alt. Beide Söhne, Dieter (geb. 1935) und Gisbert Voigt (geb. 1940) erhielten durch ihn eine Ausbildung als Orgelbauer sowie Klavier- und Orgelunterricht. Die Jugend war geprägt durch Musik, Sport und evangelischer Jugendarbeit, die von einem engagierten Pfarrer geführt wurde, der bereits im Hitlerreich Widerstand geleistet hatte und zu den sozialistischen "Herren" in Opposition trat. Er lehrte den Söhnen Dieter und Gisbert Voigt, nicht den Weg nach dem Westen zu gehen, sondern den Platz in diesem Teil Deutschlands mit christlichem Zeugnis auszufüllen. 1953 - bereits Orgelbauer - studierte Dieter Voigt Kirchenmusik in Halle bis 1958 (A-Examen). Im Jahr 1961 legte Gisbert Voigt die Tischlermeister- und 1966 die Orgelbaumeisterprüfung ab. Beide Söhne übernahmen 1961 die Firma des Vaters in der 3. Generation. Seit dieser Zeit wurden ausschließlich Orgeln mit mechanischer Tontraktur gefertigt.

Seit 1959 übernahm Dieter Voigt zusätzlich das Amt des Kirchenmusikers an der St. Nikolai-Kirche. Diese Tätigkeit sowie sein Wirken auch als konzertierender Organist prägten in Übereinstimmung mit seinem Bruder Gisbert Voigt entscheidend die Konzeption und Fertigung der neuen Orgeln. 1970 legte er ebenfalls die Orgelbaumeisterprüfung ab.

Bewusst wurde der Weg als Privatbetrieb in der DDR gegangen, der Möglichkeiten für künstlerische Freiräume bei der Gestaltung der Orgeln auch für die Zukunft zuließ. Der Preis an staatlichen Repressionen dafür war nicht unerheblich: Exportverbot, erhebliche Materialbeschaffungsprobleme, vorgeschriebene Löhne und begrenzte Beschäftigtenzahl.

Trotz der Begrenzung der Beschäftigtenzahl (10 Mitarbeiter) erwarb sich die Firma durch ihr künstlerisches und innovatives Engagement einen beachtenswerten Namen in der DDR. Mit einer Lieferzeit von über 14 Jahren (bis zu 10 Jahre Bestellzeit waren zu dieser Zeit auch andernorts üblich) gehörte sie zu den begehrten Lieferanten in diesem Land.

KunsthandwerktFür einen privaten Handwerksbetrieb ungewöhnlich erhielt die Firma 1974 auf Grund ihrer Leistungen den Titel "Anerkannter Kunsthandwerker" und 1981 eine Auszeichnung für innovative Leistungen vom zuständigen Ministerium. Ein nicht unerheblicher Teil der Kapazität wurde stets auf die Restaurierung bedeutender denkmalwerter Orgeln verwendet.

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